nicht können, trotzdem machen

Moin,

um ehrlich zu sein, habe ich keine Ahnung von dem, was ich hier tue. Weder vom Fahrrad fahren noch vom Blog schreiben.
Aber ich mache es trotzdem.
Einfach so.

Es ist schon Wahnsinn, wie viel in einem Zeitraum von gerade einmal zwei Wochen passieren kann. Mit der Zeit möchte ich auf das, was ich so erlebe, zu sprechen kommen. Bevor ich mich aber mit der Gegenwart befasse, möchte ich etwas rückführend schreiben.
Ich möchte über Impulse schreiben, die mich dazu motivieren, diese Reise anzutreten. Ich habe verstanden, dass das Leben zeitlich begrenzt ist. Dies ist für mich grundsätzlich Anlass genug, Träume umzusetzen, anstatt sie zu verschieben.

Ich verliere nichts. Ich gewinne. Jeden Tag etwas Neues.

271 Kilometer habe ich bis jetzt auf meinem Fahrrad zurückgelegt.
Es kommt mir vor wie eine Ewigkeit. In so kurzer Zeit habe ich so viele Menschen kennengelernt, Orte gesehen und Erlebnisse für die Ewigkeit gesammelt. Habe erfahren dürfen, was es heißt, Freunde zu haben. Freunde, die einem bedingungslos bei stehen und helfen. Sich und eigene Bedürfnisse zurückstellen können – damit es mir gut geht! Menschen die Schlafplätze anbieten und ihr Essen teilen. Und all dies ohne das Verlangen einer Gegenleistung. Als sei es selbstverständlich. Selbstverständlich zu helfen. Selbstverständlich zu teilen und sich zu kümmern. Umeinander!

Hilfsbereitschaft. Menschlichkeit. Offenheit. Selbstlosigkeit.

Eigenschaften, die in der heutigen Gesellschaft immer seltener zu finden sind. Welche aber gerade in Zeiten wie diesen von großer Wichtigkeit sind! Eine Gesellschaft die durch Konsum, Kapitalismus, Kriege, Terror, den Wandel des Klimas und das Versagen der Politik, sehr geprägt ist – wie ich finde.

Raum, Zeit, Dimension

Oktober 2018. Ich befinde mich in Kapstadt. In Kürze hebt mein Flieger ab. Über Dubai zurück nach Deutschland. Ein sehr spannendes und lehrreiches Jahr in Afrika findet sein Ende.

Ein Jahr lange habe ich auf einem Schiff gelebt und gearbeitet. 50 Meter lang. 34 Personen Besatzung. 19 unterschiedliche Nationen. Amtssprache Englisch. Wenig bis keine Privatsphäre. Eine Kabine mit vier Personen aus vier unterschiedlichen Ländern, sogar Kontinenten, der Welt. Es herrscht eine hohe Luftfeuchtigkeit und es liegt permanent eine leichte Brise von Schweiß in der Nase. Ich hätte es nie für möglich gehalten mal den Seeweg von Bremen nach Afrika erfahren zu dürfen. 17.000 Seemeilen zu “segeln”.
Habe Naturgewalten hautnah zu spüren bekommen. Ganz zu meinem Übel. Und das Wort “Übel” meine ich wortwörtlich. Bei 8 Meter hohen Wellen und starkem Sturm wird man sehr kreativ einen Umgang mit Seekrankheit zu finden. Nach 6 Tagen ohne Tageslicht wusste ich irgendwann nicht mehr genau wo ich mich befand. Nur Zwieback und Wasser. 6 Tage lang. Mit Anbruch des siebten Tages konnte ich endlich in neue Ufer übersetzen. Die Seekrankheit überwunden, stieg ich raus aufs Deck. Sonnenstrahlen reflektierten vom Schnee der Berge Bilbaos in mein bleiches Gesicht. Ich fühlte mich schwach. Einer meiner Teamkollegen sah mich und rief: “seasicknick! he is alive! do you believe it?!” Seit fortan trug ich diesen Namen. Seasicknick, nannten mich die Leute. Es folgten Wochen mit den verschiedensten Landschaften. Um so südlicher wir segelten, desto schöner und surrealer wurde die ganze Erfahrung. Sonnenauf- sowie Untergänge wie gemalt – nur schöner! Ich konnte Tiere sehen, welche es wahrscheinlich schon ganz bald nicht mehr geben wird. Sternschnuppen und Meeresleuchten. Sternenhimmel so klar wie das Wasser, in dem wir schwammen. 5000 Meter tief!
Der Mount Everest ist mit ca. 8848 Höhenmetern, der höchste Berg der Welt. Ich persönlich finde die Vorstellung in 5000 Meter tiefem Wasser zu schwimmen, wesentlich faszinierender! Tief wurden auch die Freundschaften mit den Menschen. Menschen aus der ganzen Welt kamen zusammen, um sich für den Erhalt der Meere und somit der Umwelt einzusetzen. Ein Bestandteil einer solch überzeugten Gruppe gewesen zu sein, mit dieser Fehler zu machen und zu wachsen und aus ihnen zu lernen, war einzigartig! Ich konnte Erfahrungen sammeln, von denen ich nie dachte sie jemals zu sammeln. Sie haben mich wachsen lassen. Mental sowie auch körperlich. Eines meiner ganz persönlichen Highlights: ich durfte erleben den Äquator an 0°00’0″N 0°00’00″E zu kreuzen. Verbunden mit einem alten Seefahrerritual – zu dem ich leider nichts Konkretes schreiben darf 😉 Von diesem Tag trage ich noch heute eine große Narbe auf dem linken Knie welche bei genauem Betrachten den Umriss von Afrika erkennen lässt.

Realisation

Das Realisieren kommt meist zu einem anderen Zeitpunkt. Nach einem 8-Stündigen Zwischenstopp in Dubai saß ich also im Flieger Richtung Hamburg. Zu meinem Gunsten wurde ich, ohne jegliche Vorahnung, in die Business-Class aufgestuft. Wie hätte ich es auch erfahren sollen. Meine Telefone habe ich ja schließlich mit der Zeit gekonnt in den Weltmeeren verteilt. Eins ging in Bremen baden und eins lernte in Rotterdam schwimmen. Nun saß ich also in meinem Sitz der Businessclass. Zu keinem anderen Zeitpunkt im vergangenen Jahr hatte ich so viel Luxus wie in diesem Moment. Eine kleine Minibar und einen Bildschirm mit Filmen. So definiere ich Luxus. Die meiste Zeit des Fluges verbrachte ich aber damit, die elektrische Jalousie für das kleine Fenster rechts neben mir zu betätigen. Auf, zu. Mal zur hälfte offen. Mal ganz zu. Mal schnell, mal langsam. Mein Kopf stets angelehnt an die Wand mit Blick aus dem Fenster.

Mit der Zeit, die wortwörtlich ins Land strich, nahm ich Veränderungen der Strukturen unter mir wahr. Wasser, Wüste, kleine Häuser. Berge, Autos und große Städte. Verschiedenste Elemente. Alles so klein. Alles so schnell. Alles in Sichtweite. Aber doch so weit entfernt von meinem Einzelsitz in der Business-Class. Mein Getränk in der Hand und ohne eine Chance, dem, was dort unter mir geschah, auch nur ansatzweise folgen zu können.

Eine kleine Randnotiz: Je nach Art des Antriebes und der aktuellen Wetterlage, fliegt ein Passagierflugzeug durchschnittlich ca. 1000 km/h pro Stunde.

Fragen über Fragen

Dann, 8 Stunden inklusive Zeitverschiebung später, in Hamburg gelandet, wurde mir bewusst, was sich dort gerade eigentlich zugetragen hat. Ich habe Länder überflogen und nichts von diesen gesehen. Habe keine Ahnung über ihre Kulturen, Glaubensrichtungen, der Landespolitik, welche Rechtslagen in diesen Ländern herrschen und generell wie das Leben in diesen Ländern aussieht. Und noch dazu habe ich der Natur mit dem Flug einen enormen Schaden zugefügt. Ich finde mich in einem Land wieder, in dem über die Frage debattiert wird, ob man Menschen aus Notsituationen aufnehmen oder sie sterben lassen sollte. Wie reich wir doch sind.

Mein Fazit:
Ich kann und darf mir keine Meinung aus dem bilden, was Zeitungen schreiben oder Nachrichtensender vermitteln. Ich möchte mir mein eigens Bild machen und meine eigenen Eindrücke sprechen lassen.

Deswegen bin ich auf dem Weg, mit meinem Fahrrd nach Indien zu fahren.

Nick

Comments

Ellen

Schön, deine Geschichte zu lesen! Folge deinem Traum🤘
Alles Liebe
Ellen

Nachbar Sven

Prima Geschichte und sehr gute Ansichten. Du redest nicht nur sondern handelst auch. Find ich Super und wünsche mir viel mehr von solchen Menschen. Viel Erfolg und alles Gute auf deinem Weg. Bleib der Nick den ich kenne.
LG Nachbar Sven

Sarah

Meinen allergrößten Respekt. Deine Geschichte zu lesen ist sehr berührend und bereitet mir Gänsehaut!
Alles Liebe.

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