C’est la vie

Schwalben spielen mit den Winden auf dem Deich des Elbe-Radweges. Sie sind auf der Jagd nach Kleintieren. Kreuzen immer wieder mein Vorderrad. In etwa so, wie es Delfine machen, wenn sie den Bug eines Schiffes kreuzen. Ich erinnere mich sehr gerne an Momente zurück, als das offenen Meer mein Vorgarten war. Weit und breit nur Wasser. Kein Land in Sicht. Für 95 Tage kein Kontakt zum Festland. Begleitet von genau dem oben beschriebenen Anblick. Delfine am Bug! Nun sind es also Schwalben, welche mir Gesellschaft leisten.

Nebenbei bemerkt, besagen alte Seefahrergeschichten, dass jedem Seefahrer nach den ersten 5000 gesegelten Seemeilen das Recht zusteht, sich eine Schwalbe auf die Brust tätowieren zu lassen. Nach weiteren 5000 gesegelten Seemeilen, darf sich dann auch die zweite Schwalbe, auf die noch freie Seite der Brust, gestochen werden lassen.

Déjá-vu

Nach zwei unvergesslichen Wochen in einer kleinen Stadt namens Dömitz, sitze ich, mehr oder weniger fest, in meinem Sattel. Es fühlte sich so an, als würde die Reise auf ein Neues beginnen. Mit dem Unterschied, dass ich mich nun alleine auf den Weg begebe. Auf den Weg, ins Unbekannte.

Ein Fahrradunfall, zwei Kilometer vor Wehningen, hatte mich zu einer Pause gezwungen. Nach dem Schock, dann die Moral der Geschichte.

Was war passiert?

Am Morgen des 17.07.2019 machten wir uns mit dem vorgesehenen Ziel, Wittenberge zu erreichen, auf den Weg. Die vergangene Nacht hatten wir, meine zwei Mitfahrer und ich, in einem kleinen Dorf gezeltet. Gerade einmal um die 80 Einwohner sollen hier, in Stiepelse, leben. Es war ein sonniger Morgen als wir unsere Zelte abbauten und uns auf die Fahrt freuten. “Einfach dem Radweg folgen”, sagte Jürgen zu uns. Jürgen, war der Wirt der lokalen Dorfkneipe, bei welchem wir die Nacht im Garten verbringen durften. Ich stellte mich also auf einen Tag ein, an dem ich mir wenig Gedanken um die Navigation machen sollte. Die Tage zuvor verzweifelte ich des öfteren am Navigieren. In größeren Städten stellt sich dies als sehr fordernd heraus. Nicht nur auf das, was dir dein Telefon sagt, sondern gleichzeitig noch ein Auge auf unachtsame Auto- und/oder Radfahrer_innen werfen zu müssen, Fußgänger_innen, Kinder oder Tiere, welche sich auf den Gehwegen befinden zu berücksichtigen, macht das Fahren mit dem Fahrrad und Gepäck in Großstädten zu einer spannenden und teilweise stressigen Angelegenheit.

Nach ungefähr 40 problemlosen Kilometern, dann der Knall! Wir fuhren in einer Schlangenformation den Elbe-Radweg entlang. In der Fachsprache nennt man diese Formation den “belgischen Kreisel”. Auf Grund dessen, dass mein Fahrrad das meiste Gepäck trug, fuhr ich ganz hinten in der Reihe. Somit hatte ich die Chance, den Windschatten meiner Mitfahrer, welche vor mir fuhren, ideal einzufangen. Damit keine unbefugten Autos die Schutzanlage befahren, sind alle Auf- und Abfahrten des Deiches mit rot-weiß-gestreiften Pfeilern versehen. Diese sind in der Regel mittig des Weges positioniert. Ganz zu meinem Pech. Leicht nach vorne über den Lenker gebeugt, fing ich den Windschatten meines Vordermannes optimal ein. Meinen Blick leicht nach unten in Richtung meiner Low-Rider (Vorderradtaschen) gerichtet, wollte ich die Gewichtsverlagerung dieser für einen kurzen Moment beobachten. Aus dem nichts folgte ein satter Aufprall.

Wer kennt ihn nicht. Den Moment, wenn du träumst, dass du aus dem Bett fällst und kurz zusammen zuckst. Das beschreibt meine Reaktion relativ genau.

In diesem Moment dann, mit 22km/h, lernte ich fliegen. Frontal fuhr ich gegen einen dieser oben ausführlich beschriebenen Pfeiler. Keine Chance auszuweichen. Ich habe den Pfeiler schlichtweg nicht kommen sehen. Auf dem Boden der Tatschen gelandet, hielt ich einen Moment Stille. Dann wagte ich den Blick über meine Schulter. Die Fahrradtaschen lagen kreuz und quer auf dem Radweg verteilt. Als ich dann mein Rad anschaute, stieß es mir sofort ins Auge. Ich konnte einen deutlichen Schaden an der Gabel sehen. Ich wusste sofort, dass dieser nicht “mal eben” zu reparieren ist. Ich lief den Deich runter.

An dieser Stelle setzt die dramatische Musik ein!

Nach einigen Minuten Ruhe, verständigten wir die Polizei über unsere missliche Situation. All meine Fahrradtaschen wurden durch den Aufprall so beschädigt, dass sie sich nicht mehr am Gepäckträger befestigen lassen haben. Durch die Kraft beim Aufprall, wurde mein Vorderrad unter den Rahmen gedrückt. Das Fahrrad zu schieben, war auf Grund dessen, unmöglich. Nach dem der erste Schock vorüber war, nahm ich auch die ein oder andere Blessur an meinem Körper wahr. Die Polizei schickte also ihren einzigen Streifenwagen, plus einen Rettungswagen, zur Hilfe. Mit Polizei und Krankenwagen als Begleitung, ging es dann ins nächste Dorf – Dömitz sollte es sein! Wahrscheinlich waren wir das Highlight des Jahres mit diesem Aufgebot an Einsatzfahrzeugen. Und all dies wegen eines Jungen, der mit dem Fahrrad nach Indien fährt. Naja, es zumindest versucht. Auch einen Fahrradladen sollte es im Dorf geben. Zu genau diesem brachten mich die Beamten, bei denen ich mich an dieser Stelle nochmal für die Einzigartige und besondere Hilfeleistung bedanken möchte! Dies ist sicher nicht selbstverständlich.

Lektion #1: Nicht jeder Polizist ist doof!
Aber jeder Polizist ist ein Mensch!

Stets unter Schock, erfragte ich bei den Besitzern des Fahrradladens, ob die Möglichkeit bestehen würde, mein Fahrrad vorübergehend in der Werkstatt parken zu können. Mein Gepäck brachten die Rettungssanitäter zum nächsten Hotel, in dem wir die folgende Nacht blieben. Im Anschluss ging es zur Kontrolle ins 16 Kilometer entfernte Krankenhaus nach Dannenberg. Auf dem Weg dorthin, konnte ich durch das Fenster des Krankenwagens sehen, wie meine Freunde im Dorf ankamen. Diese mussten nach dem Unfall noch ca. 40 Kilometer nach Dömitz fahren. Nach vier Stunden im Krankenhaus und mehreren Tests, folgte eine Diagnose. Eine Prellung der Leiste.

In Anbetracht dessen, dass ich zum Unfallzeitpunkt keinen Helm trug, konnte ich mich mit einer Prellung, ein paar Schürfwunden und blauen Flecken, sehr glücklich schätzen!

Lektion #2: Sicherheit vor “Schönheit” – Helm auf! Es könnte dich DEIN LEBEN kosten.

Was dann, nach dem ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, folgte, kann ich stets kaum fassen.
Das Leben nahm einfach seinen natürlichen Lauf – glaube ich.

Neue Freunde

Ich machte mich also auf den Weg zum Fahrradladen. Für mich persönlich, war es zu diesem Zeitpunkt somit das Wichtigste, zu wissen, ob sich beim Aufprall der Rahmen meines Fahrrades verzogen hat. Von diesem Fakt, hing der weitere Verlauf der gesamten Reise ab. Mit einem verbogenen Rahmen wäre die Tour an dieser Stelle vorzeitig beendet gewesen. Wahrscheinlich hätte ich mir einen Rucksack organisiert und wäre per Anhalter gefahren. Dazu sollte es aber nicht kommen.

Ob sich der Rahmen verbogen hat, kann man ganz einfach kontrollieren. Dazu benötigt man lediglich eine Schnur und ein Maßband. Die Schnur wird hierfür am ausfallende des Hinterrades befestigt, dann an der Außenseite um das Steuerrohr gelegt und am anderen Ausfallende des Hinterrades, auf gleicher Höhe, erneut angelegt. Vom Sitzrohr aus an, kann nun entlang beider Seiten gemessen werden, wie viel der Abstand von Schnur zu Rahmen beträgt. Sollte der Abstand auf der einen Seite gravierender sein als auf der anderen, ist der Rahmen verbogen und damit irreparabel.

Ich hatte Glück! Er war nicht beschädigt! Der Abstand betrug identische 4,5 Zentimeter auf beiden Seiten. Durch die Kraft, welche beim Aufprall entstand, wurde mein vorderer Gepäckträger nach hinten gedrückt. Vier Millimeter mehr und es wäre zum Kontakt mit dem Rahmen gekommen. Da dies nicht der Fall war, habe ich umgehend meinen Fahrradbauer kontaktiert, welcher sich an die Arbeit machte eine neue Gabel zu bauen. Auf Grund dessen, dass mein Fahrrad eine Sonderanfertigung ist, müssen Ersatzteile erst angefertigt werden. Auch an dieser Stelle, ein großes Dankeschön, für die schnelle Hilfe an das Norwid-Team!

Auch wenn es gezwungenermaßen der Fall war, wusste ich, dass ich die nächsten zwei Wochen Zeit haben werde, den Unfall zu verarbeiten und um mich etwas zu erholen.

Doch Wo? Zelten an der Elbe? Im Wald?

Ich fahre mit einem Kostenlimit von fünf Euro pro Tag. Dies beinhaltet meinen gesamten Lebensunterhalt. Eine Unterkunft für den Zeitraum von zwei Wochen, kann ich mir schlichtweg nicht leisten. Die Besitzer des Fahrradladens händigten mir schließlich eine Liste mit Telefonnummern von Vermietern aus dem Dorf aus. Empfohlen wurde mir eine ganz bestimmte Adresse. Ein Ehepaar, welches vor zwei Jahren aus Hamburg nach Dömitz gezogen war. Auf Grund meiner Sympathien zu einer anderen, schöneren Stadt des Nordens, bin ich, wenn ich das Wort “Hamburg” höre, eher vorsichtig. In diesem Fall aber, blieb mir keine andere Wahl. Ich meldete mich also bei diesem Paar und kommunizierte meine aktuelle Situation. Umgehend wurden wir, mein Kumpel und ich, zum Tee eingeladen. Gemeinsam mit zwei Hunden bewohnen sie ein über 250 Jahre altes Fachwerkhaus. Im Garten ein großer, wunderschöner Baum, welcher beide Weltkriege und die Teilung eines ganzen Landes miterlebte. Keine vier Meter angrenzend an den Garten, stand bis 1989 der erste Grenzzaun der ehemaligen DDR. Bis 1961 gehörte Dömitz zum Sperrgebiet. Von der Terrasse aus gut zu sehen, steht der Deich. Auf genau diesem, führt der Elbe-Radweg entlang – Richtung Wittenberge.

Richtig. Genau dort wären wir vorbei gekommen. Hätten die Terrasse gesehen, auf der wir nun saßen und Tee tranken. Hätten nie gewusst, wer in diesem Haus wohnt oder in welcher Farbe die Wände der Küche gestrichen sind.

Hinter dem Deich, in den Strömungen der Elbe um genau zu sein, fanden viele Menschen beim Versuch der Flucht, den Tod. Ihr Ziel: Die Freiheit des wohl unendlich schienenden Westens. Es stimmt mich zu tiefst traurig, dass das Thema Flucht auch heute noch ein Thema ist, welches die Welt beschäftigt.

Nach einem Tee war klar, dass ich die Chance erhalten werde, hier mein Lager aufzuschlagen. Als Gegenleistung brachte ich mich in den nächsten Wochen im Garten ein, führte die Hunde aus, kochte Mittag, backte Kuchen und half bei anderen Tätigkeiten welche im Alltag so anfallen. Ich bekam mein eigenes kleines Zimmer zur Verfügung, in dem ich mich sehr wohlfühlte.

mein Zimmer.

Ich durfte Mahlzeiten einnehmen ohne dafür zahlen zu müssen. Als sei es selbstverständlich, mit fremden Menschen zu teilen. Keine Tätigkeit die ich während meines Aufenthaltes in Dömitz ausgeführt habe, hatte, meiner Meinung nach, auch nur ansatzweise den Wert oder die Stelligkeit mir eine Mahlzeit verdient gehabt zu haben. Trotzdem, ich durfte essen. Ohne mich schlecht zu fühlen. Kein Geld der Welt kann ausdrücken, welche Dankbarkeit ich genau diesen Menschen gegenüber verspüre.

Schade, dass ich hier an Geld denke, welches meine Dankbarkeit widerspiegeln bzw. zum Ausdruck bringen soll.

Menschen, die mich nicht kannten, nahmen mich auf. Stellten mir weder die Benutzung der Werkstatt, das Zimmer in dem ich schlief oder die Mahlzeiten welche ich zu mir nahm in Rechnung. Sie nahmen mich auf. In ihr Leben. In die Gemeinde. Verzichteten auf Geld und gaben Liebe. Das erste Mal konnte ich mich wirklich in die Situation versetzen, wie es sich ungefähr anfühlen muss, wenn man aus einem anderen Land in eine neue Welt kommt und Menschen trifft, die einen mit offenen Armen empfangen. Ich habe erfahren dürfen, wie es sich anfühlt, wenn fremde Menschen einem Offenheit und Hilfsbereitschaft zeigen. Ein Gefühl, welches jeder Mensch fühlen sollte! Wie schrecklich ist die Vorstellung von Hetze und Hass. Feindlichkeiten und Ignoranz. Diese Menschen, sie halfen mir. Bedingungslos. Ein einzigartiges Gefühl!

Doch musste ich lernen, mit diesen Gefühlen und der Situation umgehen zu können. Ich musste lernen, mich nicht schlecht zu fühlen. Jeder Biss den ich von meinem Brot nahm, viel mir sehr schwer – denn es war nicht mein Brot welches ich aß. Jeder Kuchen den ich backte, bestand aus Zutaten, die nicht meine waren. Für die ich kein Geld ausgegeben habe. Ich konnte meine Dankbarkeit nicht mit Geld zurückzahlen. Und ich denke mittlerweile, dass es darum auch gar nicht geht. Es geht um Menschlichkeit und Nächstenliebe. Dies ist, was ich gelernt habe und weitertragen werde. Durch jeden Menschen, den ich in Dömitz kennen lernen durfte. Ganz besonders natürlich durch meine Gastfamilie und die Besitzer des Fahrradladens.

Lektion #3: Ich werde helfen. Egal wem. Egal was. Egal wann. Egal wo. Und dies, ohne den Gedanken einer Gegenleistung!

Ich denke, dass die Gesellschaft und somit die Welt, wesentlich sozialer und sicherer wäre, wenn Menschen sich gegenseitig so helfen würden, wie man mir geholfen hat. Egal welche Herkunft, Hautfarbe, Beruf oder Glaube die hilfsbedürftige Person trägt. Besonders denen, die sich nicht selbst helfen können, sollte man verstärkt Hilfestellung anbieten.

Menschen kommen, Menschen gehen – Freunde bleiben!

Während dieser sehr ereignisreichen Zeit, aber auch schon in den Jahren zuvor, konnte ich mich auf eins stets verlassen – meine Jungs!

Und nein, dies ist keine “Sexistische-Kackscheiße”. Es ist eine Liebeserklärung!

Gemeinsam ging es am 07.07.2019 in Oldenburg los. In meiner Wohnung versammelten wir drei uns und traten den Weg zu unseren Rädern gemeinsam an. Ließen uns die Haare abrasieren und wurden gemeinsam belächelt. Egal ob nach Belgien, Berlin, Schweden oder einfach in unsere Kneipe zum Fußball gucken. Wir taten es zusammen! Meine Reise begleitete der eine bis nach Hamburg und der andere sogar bis nach Dömitz. Auch nach dem Unfall ist er an meiner Seite geblieben. Konnte sich und seine Bedürfnisse zurückstellen und hat mich in einem sehr komplizierten Entscheidungsprozess unterstützt. So, wie man es sich von einem Freund nur wünschen kann. Er hat meine Entscheidungen gestärkt und mich wissen lassen, dass sie richtig sein werden. Auch mein anderer Freund, der sich zu diesem Zeitpunkt schon wieder in Oldenburg befand, hat sich umgehend nach dem Unfall telefonisch nach meinem Wohlbefinden erkundigt. Diese Momente haben mir viel Kraft gegeben und bedeuten mir im Nachhinein sehr viel!

Freundschaften wie diese, sind mehr Wert als ganz viel anderes auf dieser Welt! Und ich würde sie für genauso wenig in dieser Welt eintauschen wollen – Danke Jungs!

Lektion #4: Nicht ohne meine Jungs!

fair winds,
Nick